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Inklusion und Barrierefreiheit sind nur zwei der Anliegen, die Niederösterreichs Sportlandesrätin Dr. Petra Bohuslav seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2004 gleichermaßen mit Managerqualitäten wie mit großer Begeisterung vertritt. Wir sprachen mit ihr über die Situation des Behindertensports in ihrem Bundesland.

Dr. Petra Bohuslav mit Niederösterreichs-Skiaushängeschild Claudia LöschÖPC: Welche Rolle kann der Sport Ihrer Meinung nach im Leben von Menschen mit physischen Handicaps spielen?

Sportlandesrätin Dr. Petra Bohuslav: Gerade bei Menschen die ihr physisches Handicap von Geburt an, in Form eines Unfalls oder einer Krankheit erhalten haben, kann Sport eine entscheidende Rolle einnehmen. Sei es beim Wiedereinstieg ins Alltagsleben, der Resozialisierung oder einfach um sich wieder neue Ziele zu setzen. Zudem sind beim Sport natürlich auch der Gesundheitsaspekt und die integrative Wirkung von großer Bedeutung.
Ziel der Fachorganisationen im Bereich des autonom organisierten Sports, die in der Servicierung des Behindertensports für ihre Mitgliedsvereine und ihre Mitglieder tätig sind, ist es daher möglichst viele Menschen mit Behinderung für das Thema Sport zu begeistern und sie in diesem Sinne zu aktivieren, handlungskompetent anzuweisen und in ihren Bemühungen zu unterstützen. Ganz im Sinn des Mottos des Österreichischen Behindertensportverbandes "Mehr Sport als man glaubt und mehr als nur Sport", ist dabei Hauptakteur und zentrale Anlauf- und Schnittstelle in Niederösterreich der Versehrtensportverband als deklarierter Sportverband.

ÖPC: Aber anders gefragt: Welche Rolle spielen unsere ParasportlerInnen für Niederösterreich? 

Sportlandesrätin Dr. Petra Bohuslav: Unsere Paralympics haben im Sinne des paralympischen Mottos "Spirit in Motion" absolute Vorbildfunktion. Zum einen für die SpitzensportlerInnen zum anderen für tausende Menschen die selbst ein körperliches Handicap zu bewältigen haben. Es gehört unglaublich viel Durchhaltevermögen und Stärke auch im mentalen Bereich dazu, trotz Einschränkungen derart großartige Leistung zu bringen. Diese Wertschätzung bringen wir dadurch zum Ausdruck, indem wir zum einen ihre Leistungen gebührend würdigen. Das braucht jede Sportlerin und jeder Sportler. Sie brauchen aber auch finanzielle Unterstützung. 


ÖPC: Welche Maßnahmen setzt das SPORT.LAND.Niederösterreich konkret, um auch paralympische Sportlerinnen und Sportler auf ihrem Weg zu nationalen und internationalen Erfolgen zu unterstützen?

Sportlandesrätin Dr. Petra Bohuslav: Die Angebotspalette von SPORT.LAND.Niederösterreich, d.h. der Landesportverwaltung mit ihren verschiedenen Organisationseinheiten, für die niederösterreichischen paralympischen Sportlerinnen und Sportler reicht von:

  • Klassischen Finanzierungshilfen im Rahmen der Förderaktion „ Organisationen mit besonderer Aufgabenstellung im Sport“ (Grundförderung für den NÖ Versehrtensportverband, Trainer und Betreuereinsatz, Nachwuchsleistungssportförderung, Spitzensportförderung) über die Abteilung Sport des Amtes der Landesregierung in Zusammenarbeit mit dem Versehrtensportverband Schwerpunktförderungen des Spitzensportförderungsfonds für die einzelnen SportlerInnen zur herausfordernden Vorbereitung auf die Paralympischen Spiele 
  • Spitzensportsponsoring, der paralympischen Markenbotschafter SPORT.LAND.Niederösterreich begleitet von der Finanzierung von Maßnahmen zur AthletInnenbetreuung, wie Interviewtrainings oder Medienschulungen - hier greifen wir auch gerne auf das Fachwissen unserer Athletinnen und Athleten zurück, so war z.B. Schwimmer Andreas Onea einer der Vortragenden unserer letztjährigen Medienschulung – bis hin zur
  • Bereitstellung von behindertengerechter Sportinfrastruktur im SPORT.ZENTRUM.Niederösterreich (ehemals Landessportschule), 
  • unsere Trainings- und Wettkampfstätte im Zentralraum als starker Partner des paralympischen Sports in Niederösterreich. 

ÖPC: Das Land Niederösterreich investiert jährlich rund 4 Millionen (aus Sportbudget werden jährlich 3 Mio investiert) in den Neu- und Ausbau von Sportanlagen. Wie wichtig sind dabei Themen wie Barrierefreiheit oder Inklusion?

Sportlandesrätin Dr. Petra Bohuslav: Anstatt „Barrierefreiheit“ oder „sehbehindert“ im Deutschen heißt es im Englischen „Design for all“ oder „Partially Sighted“. Gemeint wird hier den Zugang zu allen Bereichen des Lebens für alle möglichst gleich zu gestalten. Gleichzeitig wird dabei aber auch der Nutzen barrierefreier Planung für alle betont. Gerade in einer älter werdenden Gesellschaft, aber auch bei den Familien und vielen anderen Personengruppen wird der hindernisfreie Zugang zu Sportstätten geschätzt. 

Auch im Sportland Niederösterreich heißt das, dass Angebote, Güter und Dienstleistungen, die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, erkannt, verstanden, erreicht und genutzt werden können. Das schließt mit ein, dass Menschen Informationen erhalten und verstehen können (z. B. barrierefrei gestaltete Webseiten, die mit einer Screenreader-Software für sehbehinderte oder blinde Personen gelesen werden können), das Angebot erreichen können (z. B. barrierefreie Parkplätze, barrierefreier Eingang mit Rampen) und auch am Angebot teilnehmen können (z. B. barrierefreies WC, Gangbreite, induktive Höranlage). Dies gilt sowohl für aktive SportlerInnen als auch ZuschauerInnen (z. B. bei Wettkämpfen) und reicht vom Parkplatz über den Zugang und Gangbereich zu Garderoben, Nassräumen, den Sportstätten selbst und der Tribüne.
SPORT.LAND.Niederösterreich macht im Rahmen der Förderaktion „Sportinfrastruktur“ mit der begleitenden Sportstättenbauberatung genau diese Fragen zum Thema. Die gesetzlichen Vorgaben und Fristen sind dabei zu berücksichtigen. Oftmals ist es leider so, dass diese erfüllt sind, in der Praxis jedoch trotzdem Schwierigkeiten bestehen. In diesen Fällen gilt es dann jedenfalls gemeinsam mit den FördernehmerInnen und den Betroffenen Lösungen zu finden.

ÖPC: Rundum neu wird auch das SPORT.ZENTRUM.Niederösterreich in St. Pölten gestaltet. In wie weit werden auch BehindertensportlerInnen von der anstehenden Modernisierung profitieren?

Sportlandesrätin Dr. Petra Bohuslav: Grundsätzlich handelt es sich um ein Bestandssanierungsprojekt, das nach nunmehr 26-jährigen Bestehen nötig geworden ist. Selbstverständlich sind im Rahmen dieses Projektes alle Bestrebungen dahingehend ausgerichtet, für alle SportlerInnen infrastrukturelle Verbesserungen bezüglich ihres Trainings- und Wettkampfbetriebes zu erreichen. Konkret handelt es sich dabei insbesondere um folgende Maßnahmen:

  • PKW-Haltefläche im Ausmaß von 950cm x 500cm im Parkplatzbereich mit direktem Anschluss zum taktilen Leitsystem
  • Taktiles Leitsystem vom Parkplatz bis zum Frontdesk
  • Glocke direkt beim Frontdesk für die bessere Erreichbarkeit der Hallenwarte, sollte der Empfang nicht besetzt sein
  • Taktile Hinweistafel beim Empfang für WC und Aufzug inklusive einer Raumbeschilderung
  • Je ein barrierefreies Zimmer in der Beherbergung auf jeder Ebene im Wohntrakt
  • Induktive Höranlage im großen Seminarraum
  • Barrierefreie Duschen in sieben Garderoben. Das bedeutet Armaturen, Duschköpfe etc. in den entsprechenden Höhen, behindertengerechte Halterungen und Sessel mit 150cm Umfeld-Platzangebot 
  • Behinderten-WC soll mit Garderobe kombiniert werden
  • Im Bereich der Möbeltischlerei wird darauf geachtet, dass beispielsweise beim Buffet eine Unterfahrbarkeit gewährleistet ist
  • Maximale Bedienungshöhen von Glocken, Tasten, Schaltern usw. werden berücksichtigt

ÖPCDer Behindertenleistungssport hat es nicht wirklich einfach in Sachen Nachwuchsscouting. Wesentliche Tools sind naturgemäß die Therapien in diversen Rehabilitationseinrichtungen. Die zweite Chance Kinder und Jugendliche mit Handicaps für den Sport zu begeistern, bieten Kindergärten und Schulen – auch wenn dieser Bereich wahrscheinlich nicht zwingend in Ihr Ressort fallen dürfte, würde mich doch interessieren, wie Sie die Lage einschätzen. Ist man in Niederösterreichs Bildungseinrichtungen auf Bewegungsangebote für Kinder mit besonderen Bedürfnissen eingerichtet?

Sportlandesrätin Dr. Petra Bohuslav: Die im niederösterreichischen Sportnetzwerk gemeinsam entwickelte Sportstrategie 2020 setzt auf den Nachwuchs, dies sowohl im Breiten- als auch im Leistungssport. Die Förderaktionen „Kinder- und Jugendsport“ sowie „Nachwuchsleistungssport“ zielen darauf und schließen Kinder und Jugendliche mit Handicap mit ein. 
Wir setzen uns im Sinne von allen Kindern und Jugendlichen seit Jahren für die Einführung der täglichen Sport- und Bewegungseinheit an Niederösterreichs Schulen ein. Darüber hinaus unterstützen wir den Schulsport durch zahlreiche Initiativen wie z.B. unserer aktuellen Aktion „Spitzensportler hautnah erleben“. 
Dabei machten wir die Erfahrung, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen gut in den Sportunterricht integriert sind. Voraussetzung dafür sind natürlich gut ausgebildete LehrerInnen und im Sportbereich tätige TrainerInnen und ÜbungsleiterInnen. Letztere gilt es in effizienter Art und Weise in den Sportbereich zu integrieren.

ÖPCWie sehen Sie den Stand der Dinge in Sachen Inklusion? Wie weit ist man auf dem Weg AthletInnen mit besonderen Bedürfnissen mit nichtbehinderten gleichzustellen?

Sportlandesrätin Dr. Petra Bohuslav: SPORT.LAND.Niederösterreich versucht Rahmenbedingungen zu schaffen, um allen Menschen einen gleichberechtigten Zugang zu Sport und Bewegung zu ermöglichen.

Ich denke, dass wir in der Inklusion vor allem im Parasport auf einem guten Weg sind. Beim Entwicklungsprozess unserer Sportstrategie Niederösterreich 2020 waren sowohl der Behindertensportverband als auch unsere ParasportlerInnen aktiv miteingebunden.
Für die Olympischen und Paralympischen Spiele in Rio 2016 war Niederösterreich das erste Bundesland mit einer gemeinsamen Verabschiedungsveranstaltung und Sportlerinnen und Sportler wie Claudia Lösch, Andreas Onea oder Doris Mader sind seit Jahren ein wichtiger Teil unseres Spitzensportsponsoring Programms. Diese Beispiele, neben den bereits genannten Förderaktionen von SPORT.LAND.Niederösterreich zeigen meiner Ansicht nach gut, dass das SPORT.LAND.Niederösterreich in Sachen Inklusion einen großartigen Weg eingeschlagen hat.

Die Forderung nach Inklusion bezieht sich selbstverständlich auf alle Bereiche des Sports aufgrund der leichteren Herauslösbarkeit und der lohnenden, sportinhaltlichen und marketingtechnischen Synergien kommt es vor allem im Bereich des Spitzensports auf Bundesebene zur Zusammenarbeit mit den Sportfachverbänden, wobei die Kooperationsvereinbarungen naturgemäß unterschiedliche Entwicklungsperspektiven haben. In Niederösterreich wird als kompetenter Träger dieser Kooperationen der Versehrtensportverband gesehen.

ÖPCNatürlich haben Sie speziell die niederösterreichische BehindertensportlerInnen auch persönlich kennengelernt. Mit welchen Eigenschaften verstehen diese besonders zu überzeugen und worin unterscheiden sie sich eventuell von SportlerInnen ohne Handicap?

Sportlandesrätin Dr. Petra Bohuslav: Durch ihre persönliche Geschichte haben ParasportlerInnen einen sehr reflektieren Zugang zum Sport bzw. zum Leben im Allgemeinen. Situationen und Gegebenheiten, die gesunde SportlerInnen gerne als selbstverständlich sehen, nehmen ParasportlerInnen oftmals mit einer großen Portion an Demut, Selbstreflexion und Dankbarkeit wahr. Der Grad an Professionalität und Zielstrebigkeit mit der sie ihren Sport ausüben, ist bei allen unseren Sportlerinnen und Sportlern enorm.

ÖPCHatten Sie bereits Gelegenheit sich von den Leistungen live ein Bild zu machen? Wenn ja, bei welchen Gelegenheiten?

Sportlandesrätin Dr. Petra Bohuslav: Ich war live zu Gast bei den Paralympics London 2012 und war begeistert, sowohl von den großartigen Leistungen der SportlerInnen, als auch von der unglaublichen Stimmung bei den zahlreichen ZuseherInnen.

ÖPCAuch persönlich gelten sie als sportbegeistert. Welche Sportarten lassen sich mit Ihrem Berufsleben am besten vereinbaren?

Sportlandesrätin Dr. Petra Bohuslav: Nach meinen Tagen als Leistungssportlerin im Tennis habe ich auch weiterhin versucht ein aktives Leben zu führen, in welchem Sport und Bewegung ein essentieller Bestandteil sind. Am liebsten halte ich mich in der freien Natur fit, egal ob bei einem Spaziergang, einer Laufeinheit oder mit dem Rad. Natürlich ist das immer auch eine Zeitfrage und neben dem Berufsalltag, wie für viele andere Berufstätige auch, eine große Herausforderung.

ÖPCRein hypothetisch: Wäre das Bundesland Niederösterreich infrastrukturell bereit für Paralympics (Winter wie Sommer)? Wenn ja, warum und umgekehrt?

Sportlandesrätin Dr. Petra Bohuslav: Wir haben in Niederösterreich schon mehrmals bewiesen, dass wir in der Lage sind großartige Sportevents auszurichten. Die Ausrichtung von Paralympics setzt natürlich auch die Austragung der zuvor stattfindenden Olympischen Spiele - dem mit Abstand größten Sportevent der Welt - voraus. Dafür bedarf es neben den topografischen und touristischen Voraussetzungen auch Stadien und Sportstätten mit großem Fassungsvermögen. Dafür ist Niederösterreich weder im Sommer noch im Winter ausgelegt. Wofür wir jedoch jederzeit bereit sind, sind Medaillen, das haben unsere Athletinnen und Athleten schon mehrfach bewiesen.

ÖPCWas wünschen Sie sich als Sportlandesrätin für den Behindertensport und seine Aktiven?

Sportlandesrätin Dr. Petra Bohuslav: Ich wünsche mir, dass die Professionalisierung im Behindertensport weiter voranschreitet. Dabei spreche ich von Trainingsmöglichkeiten, Wettkämpfen und einer dementsprechenden Vermarktung des Behindertensports, damit die SportlerInnen auch jene Aufmerksamkeit bekommen, die sie zweifelsohne verdient haben. Ein weiteres Anliegen sind mir zielgerichtete Maßnahmen für mehr Gerechtigkeit im Behindertensport. Zudem hoffe ich, dass wir es schaffen den Anteil der gehandicapten Personen, die Sport betreiben, weiterhin zu erhöhen. Dadurch entsteht eine große Basis im Breitensport, aus der mittelfristig auch mehr Talente zum Spitzensport gelangen sollen.

www.sportlandnoe.at

 17 05 17 NOe Bohuslav Interview Teambild
2016 lud Niederösterreich als erstes Bundesland seine paralympischen und olympischen AthletInnen zum gemeinsamen Rio-Farewell.

 

Text und Fotocredit: ÖPC
Bildbezeichnung Titelbild: Dr. Petra Bohuslav mit Niederösterreichs-Skiaushängeschild Claudia Lösch

 

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